Raum erleben. Bundesauftakt zum Tag der Architektur 2005
Dr. Claudia Schwalfenberg 25.06.2005

Was in Kindertagen einer faszinierenden Seherfahrung mittels optischem Gerät vorbehalten blieb, wird beim neuen Mercedes-Benz Museum in Stuttgart gerade gebaute Realität: Eine Doppelhelix gibt nicht nur Panoramen in die umgebende Hügellandschaft frei, sondern gewährt auch im Inneren ständig wechselnde Ausblicke in andere Geschossebenen. Durch diese Konstruktion bietet das vom niederländischen UN studio konzipierte Gebäude ein überraschend offenes, kaleidoskopisches Raumerlebnis. Wände gehen in Flure über, und obwohl das Museum noch im Bau ist, meint man schon die Rennwagen vorbeijagen zu hören, die dort ab 19. Mai 2006 neben anderen Fahrzeugen ausgestellt sein werden.

328 Tage vor der offiziellen Eröffnung des Museums hätte es wohl kaum einen besseren Ort für den Bundesauftakt des Tags der Architektur 2005 geben können, dessen Motto „Raum erleben“ war. Mehr noch: Man möchte diesem Museumsbau schon jetzt viele Kuratoren und Museumsdirektoren, Architekten und Museumsgestalter als Besucher wünschen, denn die spektakuläre Konstruktion macht es möglich, sich aus verschiedenen Perspektiven den Exponaten zu nähern, besonders eindrucksvoll von oben über eine 80 Meter lange geschwungene Rampe. Fahrzeuge lassen sich so zu Skulpturen überhöhen, aber auch Skulpturen im eigentlichen Sinne ließen sich auf diese Weise ganz neu erlebbar machen.


BAK-Präsident Prof. Arno Sighart Schmid, der Präsident der AK Baden-Württemberg, Wolfgang Riehle, und der baden-württembergische Ministerpräsident Günther H. Oettinger beim diesjährigen Bundesauftakt zum Tag der Architektur

BAK-Präsident Prof. Arno Sighart Schmid, der Präsident der AK Baden-Württemberg, Wolfgang Riehle, und der baden-württembergische Ministerpräsident Günther H. Oettinger beim diesjährigen Bundesauftakt zum Tag der Architektur

Appell für Bundesstiftung Baukultur

Was gute Architektur kann einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen, ist Sinn und Zweck des Tags der Architektur. Diesem Ziel soll auch die Bundesstiftung Baukultur dienen, die der Bundestag am 12. Mai mit den Stimmen aller Fraktionen beschlossen hat, der Bundesrat auf Antrag Baden-Württembergs, Bayerns und Hessens am 17. Juni jedoch auf die lange Bank geschoben, wenn nicht gar zum Scheitern verurteilt hat. BAK-Präsident Prof. Arno Sighart Schmid nutzte den Bundesauftakt am 25. Juni deshalb, um einen dringenden Appell an den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther H. Oettinger zu richten: „Mit seiner Entscheidung torpediert der Bundesrat die Bemühungen der letzten Jahre, Baukultur in Deutschland auf allen Ebenen voranzubringen. Es ist überhaupt nicht nachvollziehbar, dass aus Gerangel um Kompetenzen ein Projekt zu Fall gebracht wird, gegen das in der Sache niemand etwas hat. Wenn Eigensinn vor Gemeinsinn geht, dann ist es kein Wunder, dass die Politikverdrossenheit in Deutschland zunimmt.“ Die jetzige Situation sei aber auch eine Chance, da noch Nachbesserungsbedarf beim Aufbau der Stiftung bestehe. Mit der nächsten Bundesregierung werde die BAK deshalb unverzüglich das Gespräch suchen. „Ich würde mich außerordentlich freuen“, so Schmid weiter, „wenn wir Baden-Wüttemberg dann auf unserer Seite wüssten.“

Oettinger hatte sich zuvor zu Städtebau und Baukultur bekannt. Mit Stolz hob Oettinger die baukulturelle Tradition Stuttgarts hervor und verwies auf berühmte heimische Werke – „beispielsweise den Tagblattturm, das erste Hochhaus der Welt, das aus Sichtbeton errichtet wurde, oder die Weißenhofsiedlung, eines der bedeutendsten Baudenkmale der Moderne überhaupt“. Oettinger würdigte die Architektenkammer Baden-Württemberg als „Partnerin der Landespolitik“ und versprach, den hohen Rang der Hochschulausbildung im Land zu halten. Den Architekten empfahl Oettinger, „in Teile der Welt zugehen, wo der Städtebau noch wächst“, und in Deutschland verstärkt auf Sanierung, Energieeinsparung und Facility Management zu setzen.

In einer Gesprächsrunde zum Thema „Raum erleben“ brachte der Publizist Prof. Dr. Hellmuth Karasek den von Oettinger angesprochenen Paradigmenwechsel nochmals auf den Punkt: „Ich habe Deutschland in der Phase erlebt, in der es pausenlos von Baulärm durchtobt war.“

Bevor Wolfgang Riehle, Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg, den bundesweiten Tag der Architektur offiziell eröffnete, wandte auch er sich an die Politik. Zum einen rief er neben den privaten Bauherren insbesondere die öffentlichen Auftraggeber auf, „wieder stärker auf den Architektenwettbewerb zurückzugreifen“, der sich auch unter ökonomischen Gesichtspunkten auszahle: „Wirtschaftlich ist eine Planung nur, wenn sie sich langfristig rechnet.“ Zum anderen bat Riehle Oettinger, die Fusion der Architekten- und Ingenieurkammer Baden-Württemberg noch in der laufenden Legislaturperiode des baden-württembergischen Landtags auf den Weg zu bringen.

Nach Raum reflektieren hieß es dann Raum erleben mit allen Sinnen, und das deutschlandweit in 714 Orten.

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