Musikalität für Architektur ausbilden - Tag der Architektur in Hamburg gestartet
Dr. Claudia Schwalfenberg 24.06.2006

Musikalität für Architektur auszubilden forderte Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee, als er am 24. Juni in Hamburg den bundesweiten Tag der Architektur eröffnete. Tiefensee prägte eine neue Metapher: Wer musikbegabt und Musik liebend ist, ist musikalisch, was ist aber, wer architekturbegabt und Architektur liebend ist? Wo es kein Wort gibt, ist die Sache im gesellschaftlichen Selbstverständnis meist ohne große Bedeutung.


Bundesauftakt am Spielbudenplatz in Hamburg. Foto: Matin Kunze

Bundesauftakt am Spielbudenplatz in Hamburg. Foto: Matin Kunze

 

Dass Architektur in den letzten Jahren aber auf immer größeres öffentliches Interesse stößt, zeigen nicht zuletzt die kontinuierlich steigenden Besucherzahlen beim Tag der Architektur, der dieses Jahr mit rund 1750 offenen Bauprojekte in über 750 Orten punktete – auch das ein neuer Rekord. Der Tag der Architektur trug dieses Jahr nicht nur das Motto „Stadt als Bühne. Die Renaissance des öffentlichen Raums“. Mit dem Tag der Architektur, der publikums- und medienwirksamsten Architekturveranstaltung in ganz Deutschland, schufen die Architektenkammern der Länder auch erneut eine Bühne für die Architektur selbst.

Wenn Stadt Bühne werden solle, so Tiefensee beim Bundesauftakt in Hamburg, bräuchte es „noch mehr Foren, wo Planer und Bauherren zusammenkommen“, ob nun Beiräte, runde Tische, Planungswerkstätten oder öffentliche Läden. Für 2007 kündigte er eine Bundesstiftung Baukultur an.

Der freie Geist und die Politik

Der Bauminister ging in seiner Rede „Raum gestalten durch Politik“ der Frage nach, ob es nicht ein Paradoxon sei, dass die Politik Einfluss nehme auf den freien Geist der Architekten, zum Beispiel durch das Instrument von Jurys. Tiefensee betonte jedoch die gemeinsame Verantwortung von Planern, Bauleuten, Bauherren und Politikern für die gebaute Umwelt. Aufgabe der Politik sei es in diesem Zusammenspiel, auf Themen hinzuweisen wie den demographischen Wandel oder die notwendige Verknüpfung von Flexibilität mit Verwurzelung.


Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee auf dem Bundesauftakt. Foto: Martin Kunze

Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee auf dem Bundesauftakt. Foto: Martin Kunze

 

Tiefensee kündigte an, dass die Stadtentwicklung Thema beim Integrationsgipfel bei der Bundeskanzlerin im Juli sein werde. Die europäische Ratspräsidentschaft 2007 wolle Deutschland überdies nutzen, um die Stadtentwicklung auch auf europäischer Ebene auf die Agenda zu setzen. Im Mai nächsten Jahres werde es erst ein Europäisches Forum für Architekturpolitik in Hamburg geben und dann ein Treffen der für die Stadtentwicklung zuständigen europäischen Minister in Leipzig.

Erkennbarkeit schaffen

Zuvor hatte BAK-Präsident Prof. Arno Sighart Schmid als Aufgabe der Architekten definiert, „in einer Welt, die sich vom globalen Dorf zur globalen Stadt wandelt, Erkennbarkeit zu schaffen, damit sich Bewohner mit ihrem jeweiligen Ort identifizieren können“. Schmid warnte in seiner Rede „Raum gestalten durch Architektur“ zugleich vor kurzfristigen Show-Effekten: „Wo jedes Gebäude ein Star sein möchte, gibt es am Ende nur lautes Geschrei. Wo andererseits ein qualitätvoll gestaltetes Umfeld fehlt, kann selbst ein herausragender Solitär nur Fremdkörper bleiben.“ Die Architekten müssten deshalb den Mut aufbringen zu unterscheiden zwischen Bauaufgaben, die Bühnenqualität verlangen, und Bauaufgaben, denen mehr mit solider Alltagsqualität gedient sei. Gute Alltagsarchitektur verdiene genauso viel Aufmerksamkeit wie sie architektonische Landmarken erhielten.

Gebautes Motto

Dass im besten Fall beides zusammengeht, hätte wohl kaum ein Beispiel besser demonstrierten können als das Auftaktprojekt, die Neugestaltung des Spielbudenplatzes durch Lützow 7 Garten- und Landschaftsarchitekten (Berlin) und die Architekten Spengler Wiescholek (Hamburg). Als zentrales Anliegen des Entwurfs bezeichnete Jan Wehberg „ein Gefühl der Leichtigkeit des Seins und der Vergnüglichkeit“.

Der eigentliche Clou des Platzes sind zwei mobile Spielbuden. Die Bühnen stehen sich wie zwei breite eckige Us gegenüber, die jeweils auf einer ihrer beiden Seiten liegen und mit ihrer Öffnung zueinander zeigen. Zusammen geschoben dienen sie als Eventfläche oder Tanzboden. Die jeweils etwa 120 Tonnen schweren Bühnen lassen sich mittels 30PS-Motoren aber auch nach Bedarf der jeweiligen Nutzung auf Schienen über die Fläche fahren und parken. Dass sie dabei nicht gänzlich abhanden kommen, dafür sorgen begrenzende Baumhaine an den beiden Enden des lang gestreckten Platzes. „Die ‚mobile Spielbude’ ist ein neuer Typus“, schwärmte Ingrid Spengler, „sie konnte hier sowohl in funktionaler wie ästhetischer Hinsicht erfunden werden“.

Besonders faszinierend sei das „Kleid“ der Stahlfachwerkkonstruktion, eine mehrschichtige Hülle aus semitransparentem Glas und davor gespanntem schützenden Edelstahlgewebe. Sie schaffe räumliche Tiefe und mache die Objekte tagsüber als transluzente, geheimnisvolle Zeichen im Stadtraum erlebbar. Dieser „Architektur des Tages“ folge bei Dämmerung mit dem abends erwachenden Leben auf der Reeperbahn die „Architektur der Nacht“ mit diskret bronzefarbenem Licht oder der vollen Leuchtkraft von 1300 LED-Lichtpunkten.

Der Präsident der Hamburgischen Architektenkammer Konstantin Kleffel würdigte insbesondere, dass die Neugestaltung der Spielbudenplatzes aus einem von vielen Wettbewerben hervorgegangen sei, derer sich Hamburg erfreue. Der hamburgische Senator für Stadtentwicklung Dr. Michael Freytag bezeichnete den Spielbudenplatz als „neue Visitenkarte Hamburgs“. Bleibt zu hoffen, dass alle Verantwortlichen dem Appell der Architekten folgen: „Bespielt den Möglichkeitsraum!“

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