Bundesauftakt 2003
Dr. Claudia Schwalfenberg 07.07.2003

Form Follows Emotion?

Bundesweiter Tag der Architektur in Wolfsburg eröffnet

„Phaeno. Ich entdecke!“ Der Slogan der von Zaha Hadid für Wolfsburg entworfenen Experimentierlandschaft machten sich am letzten Juniwochenende zehntausende Besucher in ganz Deutschland zu Eigen. Bei strahlendem Sonnenschein folgten sie der Einladung der sechzehn Architektenkammern der Länder (Schleswig-Holstein schon am 15. Juni), 1492 Objekte in 555 Städten und Gemeinden kennen zu lernen.

„Wir zeigen die zeitgenössische Architektur in ihrer Vielfalt und Breite“, so BAK-Präsident Peter Conradi beim Bundesauftakt in Wolfsburg, „nicht nur in einigen Metropolen, sondern in ganz Deutschland. Damit wollen wir bundesweit Sinn und Zweck von Architektur herausstellen.“

 Typisch deutsch?

 Der Bundesauftakt, Teil der Initiative Architektur und Baukultur, kreiste um den verstärkten Trend zu einer Architektur des Gefühls: „Form Follows Emotion?“ Die Antworten auf diese Frage fielen höchst unterschiedlich aus. Conradi hob den „Wunsch nach sinnlich erfahrbarer Form, nach Identität und Individualität“ von „der Anonymität, der rasterhaften Gleichförmigkeit modernen Lebens und moderner Architektur“ ab, setzte Form Follows Emotion gegen Form Follows Function, das von Louis Sullivan 1896 formulierte Credo der Architekturmoderne. Die „Erweiterung der Lebensmöglichkeiten über das Materielle, das Nützliche und Ökonomische hinaus“ dürfe die Stadt jedoch nicht „zu einem wirren Erlebnispark im Stil eines Rummelplatzes“ machen.


Modell des Phaeno von Zaha Hadid

Modell des Phaeno von Zaha Hadid

Das Ausdehnen von Grenzen nahm Zaha Hadid in ihrem Werkbericht zwar vehement für sich in Anspruch, sie zeigte sich aber irritiert vom Motto des Bundesauftakts. Gefühl isoliert zu betrachten, sei typisch deutsch: „Es gibt keine Demarkationslinie zwischen Funktionalität, struktureller Ordnung und Gefühl.“ Am Übergang zwischen der Autostadt des VW-Konzerns auf der einen und der Wohnstadt Wolfsburgs auf der anderen Seite des Mittellandkanals gelegen, habe das „Phaeno“ zwei Aufgaben: einem innovativen Wissenschaftsmuseum Raum zu geben und die Qualität des öffentlichen Raums zu verbessern.

Experimentieren und Entdecken, wird aber nicht erst im fertigen „Phaeno“ angesagt sein. Um die kraterähnliche Landschaft auf zehn kegelartigen Hohlkörpern zu realisieren, haben Roland Mayer und Peter M. Bährle, Hadids deutsche Partner, erst einmal gefahndet: „ Aus dem Gefühl entwickelte sich ein Gespür, das uns schließlich ein Material finden ließ, das in dieser Anwendung neu ist in Deutschland – selbstverdichtenden Beton.“ Knapp zwei Drittel der insgesamt über 1000 Besucher des Bundesauftakts erkundeten auf der „Phaeno“-Baustelle, was es damit auf sich hat, erlebten „eine Zusammenschau bereits fertiger Bauteile, von Teilen, die unmittelbar im Entstehungsprozess sind, und Teilen, deren Entstehung gerade vorbereitet wird“. Auch eine kleine Ausstellung mit einem Modell im Maßstab 1:100 und einem virtuellen Rundgang stieß auf großes Interesse.

Das „Phaeno“ steht „für eine moderne Stadtentwicklung, den Wandel von der ehemaligen industriellen Wohnsiedlung hin zu einer Stadtstruktur mit hochwertigem Dienstleistungs- und Freizeitangebot“, wie Rolf Schnellecke, Oberbürgermeister der Stadt Wolfsburg, betonte. Der Bundesauftakt hatte jedoch noch weit mehr als das „Phaeno“ zu bieten: Führungen zu den Klassikern von Alvar Aalto und Hans Scharoun, Führungen zur Erlebniswelt wie der Autostadt von Henn Architekten und sechs weitere Objekte des Tags der Architektur, denn „Alltag und Festtag, Schwarzbrot und Sahnetorte bedingen einander“ (Wolfgang Schneider, Präsident der AK Niedersachsen).


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